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Es gibt keine Maikäfer mehr...
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Seite 1 von 1 • Austausch •
Es gibt keine Maikäfer mehr...
Dies ist eine sehr beklemmende Geschichte. Ich habe sie spontan geschrieben, weil sich in einem berufsbezogenen Forum ein Fahrer damit brüstete, jeden Monat 20 000 km zu machen und er für jeden Kilometer über 15 000 km eine Prämie von 17 Cent pro Kilometer bekommt.
Weil dies kein Fachforum ist, eine kurze Erklärung dazu. 20 000 km im Monat sind nicht möglich. Jedenfalls nicht im gesetzlichen Rahmen. Maximal 12000 bis 14000 km sind realistisch. In meinem Beruf sind die Lenk- Ruhe- Arbeits- und Schichtzeiten sehr streng geregelt. Grob gesagt darf man nur 4,5 Stunden fahren, muss 45 Minuten Pause machen, dann wieder 4,5 Stunden fahren und danach 11 Stunden Ruhezeit einhalten.
In der Geschichte taucht auch der Begriff "BAG" auf. Das ist das legitimierte Kontrollorgan, welches die Fahrer auf den Autobahnen kontrolliert.
Um diesem Fahrer nun seinen Unsinn vor Augen zu führen und ihm aufzuzeigen, was das für Folgen haben kann, habe ich diese Geschichte in das Forum gesetzt. Die Wirkung war wie erwartet gleich null. Übrigens hat die Promotions-Abteilung vom Countrysänger Tom Astor Interesse an dieser Geschichte gezeigt und bei nach den Urheberrechten nachgefragt. Im Moment liegen sie aber noch bei mir.
Bottrop, Freitag, 21.9.2007, 5:03 Uhr
Ilse
sitzt in der Küche und hört Radio. Sie ist hoch schwanger und kann
nicht schlafen. Das Ungeborene in ihrem Bauch ist heute sehr unruhig,
was sich auf Ilse übertragen hat. Sie hat sich einen heißen Tee gebrüht
und lauscht eher teilnahmslos den Verkehrsnachrichten.
Zähfließender
Verkehr vor einer Baustelle am Kirchheimer Dreieck gibt der Sprecher
durch. Ilse nimmt es nicht wahr. Ihre zwei "Trabanten" schlafen noch
tief und fest. Der älteste ist sechs und die jüngste ist zwei Jahre
alt. Ilse liebt diesen Freitag, wie viele andere Freitage auch. Es ist
der Tag, an dem Waldemar nach Hause kommt. Waldemar ist ein guter Mann
und ein guter Vater. Aber er ist so selten daheim.
Sie haben sich am
Stadtrand von Bottrop ein Grundstück gekauft und bauen nun ein kleines
Häuschen darauf. Letzten Mittwoch war Richtfest.
Irgendwie wächst
Ilse das alles über den Kopf. Die Gespräche mit dem Architekten, der
Ärger mit den Handwerkern, die Rennereien zu den Behörden und dann noch
die Kinder.
Im Radio singt gerade Reinhard May das Lied "Es gibt keine Maikäfer mehr...."
A 7, kurz vor dem Kirchheimer Dreieck, Freitag, 21.9.2007, 5:03 Uhr.
Waldemar
ist müde. Er kommt aus Sizilien und hat Trauben von der
Salamita-Plantage geladen. In Kassel wird er seine Fracht abliefern.
Waldemar hat sein Kilometer-Soll schon lange erfüllt. Jeder Kilometer,
der jetzt gefahren wird, bringt ihm bares Geld. In Warburg wird er noch
Möhren aufnehmen und nach Dortmund bringen. Er rechnet sich aus, dass
er gegen 16 Uhr endlich bei seiner Ilse sein wird.
Waldemar ist ein
Kämpfer. Er redet sich ein, dass er nicht so viel Schlaf braucht wie
ein Durchschnittsmensch. Die gesetzlich zulässigen 90 Höchst-Lenkstunden in der Doppelwoche hatte er
schon am Mittwoch hinter sich. Aber das Haus will bezahlt werden. Seine
Familie soll es später einmal gut haben. Nur dafür schuftet er.
Sein Chef ist sehr zufrieden mit ihm. Es gab auch schon mal eine Prämie extra, weil Waldemar immer pünktlich ist.
Mit
Augen, die nur noch durch einen schmalen Schlitz zwischen den Lidern
hervorschauen, registriert Waldemar, wie der Kilometerzähler die Zahl
auf dem Display um eins erhöht. Wieder 16 Cent, die auf dem Lohnzettel
oben drauf gepackt werden.
Seine letzte Ruhezeit hatte Waldemar
verkürzt. Nach 5 Stunden Schlaf war er fit. Nein, er war nicht wie alle
anderen. Pause muss sein, aber 11 Stunden waren ihm doch zuviel.
Nun
war es wieder soweit. Eigentlich müsste er seine Fahrt schon vor einer
halben Stunde unterbrochen haben. Aber es sind nur noch ca. 60 Minuten
bis zu seiner Abladestelle. Die schafft er doch mit links. Um seine
Müdigkeit zu verscheuchen, hatte er die Seitenscheibe schon eine ganze
Weile unten. Der Fahrtwind tat ihm gut und er hielt ihn wach. Weil es
aber morgens schon ziemlich frisch war, drückte er dann doch die
Scheibe wieder hoch.
Um diese Zeit gab es keine Kontrollen. Meist
klopfte sein Herz bis zum Halse, wenn er die Schilder sah, die einem
Geschwindigkeitstrichter gleich, den Lkw erst auf 80 km/h und dann auf
60 km/h abbremsten. Waldemar versuchte dann, besonders gleichgültig
nach vorne zu schauen. Nur keine Nervosität zeigen, sonst zieht dich
der Beamte von der BAG raus, dachte er. Und jedesmal die Erleichterung,
wenn der Mann mit der Sicherheitsweste und der Kelle teilnahmslos den
Arm unten ließ.
Nein, um diese Zeit hatte Waldemar freie Fahrt.
Bottrop, Freitag, 21.9.2007, 5:05 Uhr.
Reinhard
May trällert zum zweiten Male seinen Refrain "Es gibt keine Maikäfer
mehr...". Ilse überlegt, was sie ihrem Waldemar heute kochen soll. Sie
weiß, wie sehr er ihre Hausmannskost schätzt und wie sehr er sich jedes
Mal darauf freut. Gestern hatten sie noch telefoniert und davon
geschwärmt, wie schön es in ihrem neuen Haus werden würde. Ilse machte
sich keine Illusionen, dass es tatsächlich so schön sein würde, wie sie
sich das vorstellten. Es wird immer so sein, dass Waldemar die meiste
Zeit unterwegs ist. Einen richtigen Mann im Haus, der täglich für sie
da ist, würde sie niemals haben.
Sie stellte sich vor, wie es wäre,
hätte ihr Mann einen Bürojob und wäre immer pünktlich zu Hause. Nein,
Ilse verwarf diesen Gedanken wieder. Ihr Waldemar würde eingehen wie
eine Primel. Sie hatte sich mit ihrem Schicksal arrangiert und sie wird
es durchstehen.
Sauerbraten! Ja, sie wollte Sauerbraten für ihren
Heimkehrer machen. Als Nachtisch Birne Helene mit ganz viel
Schokoladenpudding. Das mochte Waldemar sehr.
A 7, kurz vor dem Kirchheimer Dreieck, Freitag, 21.9.2007, 5:06 Uhr.
Reinhard
May senkte seine Stimme. Das Lied klang aus mit dem Refrain "Es gibt
keine Maikäfer mehr...".Waldemar registrierte es nicht. Waldemar hatte
schon lange vorher nichts mehr registriert. Manchmal stellte er sich
die Frage, wo er sich jetzt eigentlich befindet. Er hatte kein Gefühl
mehr für die derzeitige geographische Lage. Er konnte auch nicht mehr
sagen, wie er die letzten 100 km gefahren war. Der Kopf war einfach
leer und nur noch seine Gewohnheit, sein Automatismus, ließ ihn die
Kilometer fressen.
Noch 2 km bis zur Baustelle vor dem Kirchheimer
Dreieck. Nein, dieses Schild nahm Waldemar nicht wahr. Der Automatismus
in seinem Kopf war nicht darauf eingerichtet.
Pause im Radio. Es war
die Pause zwischen 2 Liedern und dauerte nur Sekunden. Man sagt, ein
Sterbender lässt sein Leben in Sekundenbruchteilen an sich
vorbeiziehen. Aber Waldemar hatte selbst diese Sekundenbruchteile
nicht. Als er die Augen öffnete, sah er vor sich die weiße Tür eines
fremden Aufliegers. Er spürte keinen Schmerz, als das Lenkrad ihm den
Brustkorb zerquetschte und sein Körper mit dem Auflieger vor ihm und
mit dem Rahmen seines Fahrerhauses verschmolz. Das Gewicht und der
Schub seines Zuges drückten unaufhaltsam nach und schoben den heißen
Motor hoch in das Fahrerhaus, welches als solches nicht mehr
existierte. Kochend heißes Wasser vermischte sich mit warmen Blut und
suchte sich einen Weg aus diesem deformierten Chaos aus Blech und
Plastik. War das Leben schon nicht gnädig mit Waldemar, so war es
wenigstens der Tod. Er hat es nicht wahr genommen, wie er auch das
Leben nicht wahr genommen hatte. Sein Organismus hatte noch nicht mal
die Zeit, Adrenalin auszuschütten.
Bottrop, Freitag, 21.9.2007, 9:05 Uhr.
Ilse
hatte den Fernseher laufen. Die Nachrichten gingen gerade dem Ende
entgegen. Es wurde von einem schweren Unfall vor dem Kirchheimer
Dreieck berichtet. Ein Lkw ist ungebremst auf einen anderen Lkw am
Stauende aufgefahren. Ein Feuerwehrmann berichtete, dass er sich an der
Unfallstelle übergeben musste. Er hatte schon viel gesehen, aber das...
Die
Kamera schwenkte von dem Feuerwehrmann zu den Einsatzkräften, die mit
Aufräumarbeiten beschäftigt waren. Man konnte erkennen, wie der leichte
Wind einen kleinen Stapel Papiere über die Unglücksstelle wehte. Was
mit der Kamera nicht zu erkennen war, das war der Text auf diesen
Papieren. Es waren Blanko-Urlaubsscheine.
Ilse bekam die
Nachrichten nicht mit. Sie war gerade im Kinderzimmer und machte die
Betten. Gedankenlos sang sie vor sich hin "Es gibt keine Maikäfer
mehr...", als es an der Haustür schellte. Ilse schaute durch den
Türspion, weil sie sich nicht denken konnte, wer sie um diese Zeit
schon besuchen wollte.
Durch den Spion sah sie zwei Polizeibeamte,
einen Mann und eine Frau. Beide hattes sie die Mützen abgesetzt und den
Blick nach unten gerichtet.
Ab hier schreibe ich
nicht mehr weiter. Ich stelle nur noch eine Frage, die sich jeder im
Stillen selber beantworten muss. Ist es das wert?
Weil dies kein Fachforum ist, eine kurze Erklärung dazu. 20 000 km im Monat sind nicht möglich. Jedenfalls nicht im gesetzlichen Rahmen. Maximal 12000 bis 14000 km sind realistisch. In meinem Beruf sind die Lenk- Ruhe- Arbeits- und Schichtzeiten sehr streng geregelt. Grob gesagt darf man nur 4,5 Stunden fahren, muss 45 Minuten Pause machen, dann wieder 4,5 Stunden fahren und danach 11 Stunden Ruhezeit einhalten.
In der Geschichte taucht auch der Begriff "BAG" auf. Das ist das legitimierte Kontrollorgan, welches die Fahrer auf den Autobahnen kontrolliert.
Um diesem Fahrer nun seinen Unsinn vor Augen zu führen und ihm aufzuzeigen, was das für Folgen haben kann, habe ich diese Geschichte in das Forum gesetzt. Die Wirkung war wie erwartet gleich null. Übrigens hat die Promotions-Abteilung vom Countrysänger Tom Astor Interesse an dieser Geschichte gezeigt und bei nach den Urheberrechten nachgefragt. Im Moment liegen sie aber noch bei mir.
Bottrop, Freitag, 21.9.2007, 5:03 Uhr
Ilse
sitzt in der Küche und hört Radio. Sie ist hoch schwanger und kann
nicht schlafen. Das Ungeborene in ihrem Bauch ist heute sehr unruhig,
was sich auf Ilse übertragen hat. Sie hat sich einen heißen Tee gebrüht
und lauscht eher teilnahmslos den Verkehrsnachrichten.
Zähfließender
Verkehr vor einer Baustelle am Kirchheimer Dreieck gibt der Sprecher
durch. Ilse nimmt es nicht wahr. Ihre zwei "Trabanten" schlafen noch
tief und fest. Der älteste ist sechs und die jüngste ist zwei Jahre
alt. Ilse liebt diesen Freitag, wie viele andere Freitage auch. Es ist
der Tag, an dem Waldemar nach Hause kommt. Waldemar ist ein guter Mann
und ein guter Vater. Aber er ist so selten daheim.
Sie haben sich am
Stadtrand von Bottrop ein Grundstück gekauft und bauen nun ein kleines
Häuschen darauf. Letzten Mittwoch war Richtfest.
Irgendwie wächst
Ilse das alles über den Kopf. Die Gespräche mit dem Architekten, der
Ärger mit den Handwerkern, die Rennereien zu den Behörden und dann noch
die Kinder.
Im Radio singt gerade Reinhard May das Lied "Es gibt keine Maikäfer mehr...."
A 7, kurz vor dem Kirchheimer Dreieck, Freitag, 21.9.2007, 5:03 Uhr.
Waldemar
ist müde. Er kommt aus Sizilien und hat Trauben von der
Salamita-Plantage geladen. In Kassel wird er seine Fracht abliefern.
Waldemar hat sein Kilometer-Soll schon lange erfüllt. Jeder Kilometer,
der jetzt gefahren wird, bringt ihm bares Geld. In Warburg wird er noch
Möhren aufnehmen und nach Dortmund bringen. Er rechnet sich aus, dass
er gegen 16 Uhr endlich bei seiner Ilse sein wird.
Waldemar ist ein
Kämpfer. Er redet sich ein, dass er nicht so viel Schlaf braucht wie
ein Durchschnittsmensch. Die gesetzlich zulässigen 90 Höchst-Lenkstunden in der Doppelwoche hatte er
schon am Mittwoch hinter sich. Aber das Haus will bezahlt werden. Seine
Familie soll es später einmal gut haben. Nur dafür schuftet er.
Sein Chef ist sehr zufrieden mit ihm. Es gab auch schon mal eine Prämie extra, weil Waldemar immer pünktlich ist.
Mit
Augen, die nur noch durch einen schmalen Schlitz zwischen den Lidern
hervorschauen, registriert Waldemar, wie der Kilometerzähler die Zahl
auf dem Display um eins erhöht. Wieder 16 Cent, die auf dem Lohnzettel
oben drauf gepackt werden.
Seine letzte Ruhezeit hatte Waldemar
verkürzt. Nach 5 Stunden Schlaf war er fit. Nein, er war nicht wie alle
anderen. Pause muss sein, aber 11 Stunden waren ihm doch zuviel.
Nun
war es wieder soweit. Eigentlich müsste er seine Fahrt schon vor einer
halben Stunde unterbrochen haben. Aber es sind nur noch ca. 60 Minuten
bis zu seiner Abladestelle. Die schafft er doch mit links. Um seine
Müdigkeit zu verscheuchen, hatte er die Seitenscheibe schon eine ganze
Weile unten. Der Fahrtwind tat ihm gut und er hielt ihn wach. Weil es
aber morgens schon ziemlich frisch war, drückte er dann doch die
Scheibe wieder hoch.
Um diese Zeit gab es keine Kontrollen. Meist
klopfte sein Herz bis zum Halse, wenn er die Schilder sah, die einem
Geschwindigkeitstrichter gleich, den Lkw erst auf 80 km/h und dann auf
60 km/h abbremsten. Waldemar versuchte dann, besonders gleichgültig
nach vorne zu schauen. Nur keine Nervosität zeigen, sonst zieht dich
der Beamte von der BAG raus, dachte er. Und jedesmal die Erleichterung,
wenn der Mann mit der Sicherheitsweste und der Kelle teilnahmslos den
Arm unten ließ.
Nein, um diese Zeit hatte Waldemar freie Fahrt.
Bottrop, Freitag, 21.9.2007, 5:05 Uhr.
Reinhard
May trällert zum zweiten Male seinen Refrain "Es gibt keine Maikäfer
mehr...". Ilse überlegt, was sie ihrem Waldemar heute kochen soll. Sie
weiß, wie sehr er ihre Hausmannskost schätzt und wie sehr er sich jedes
Mal darauf freut. Gestern hatten sie noch telefoniert und davon
geschwärmt, wie schön es in ihrem neuen Haus werden würde. Ilse machte
sich keine Illusionen, dass es tatsächlich so schön sein würde, wie sie
sich das vorstellten. Es wird immer so sein, dass Waldemar die meiste
Zeit unterwegs ist. Einen richtigen Mann im Haus, der täglich für sie
da ist, würde sie niemals haben.
Sie stellte sich vor, wie es wäre,
hätte ihr Mann einen Bürojob und wäre immer pünktlich zu Hause. Nein,
Ilse verwarf diesen Gedanken wieder. Ihr Waldemar würde eingehen wie
eine Primel. Sie hatte sich mit ihrem Schicksal arrangiert und sie wird
es durchstehen.
Sauerbraten! Ja, sie wollte Sauerbraten für ihren
Heimkehrer machen. Als Nachtisch Birne Helene mit ganz viel
Schokoladenpudding. Das mochte Waldemar sehr.
A 7, kurz vor dem Kirchheimer Dreieck, Freitag, 21.9.2007, 5:06 Uhr.
Reinhard
May senkte seine Stimme. Das Lied klang aus mit dem Refrain "Es gibt
keine Maikäfer mehr...".Waldemar registrierte es nicht. Waldemar hatte
schon lange vorher nichts mehr registriert. Manchmal stellte er sich
die Frage, wo er sich jetzt eigentlich befindet. Er hatte kein Gefühl
mehr für die derzeitige geographische Lage. Er konnte auch nicht mehr
sagen, wie er die letzten 100 km gefahren war. Der Kopf war einfach
leer und nur noch seine Gewohnheit, sein Automatismus, ließ ihn die
Kilometer fressen.
Noch 2 km bis zur Baustelle vor dem Kirchheimer
Dreieck. Nein, dieses Schild nahm Waldemar nicht wahr. Der Automatismus
in seinem Kopf war nicht darauf eingerichtet.
Pause im Radio. Es war
die Pause zwischen 2 Liedern und dauerte nur Sekunden. Man sagt, ein
Sterbender lässt sein Leben in Sekundenbruchteilen an sich
vorbeiziehen. Aber Waldemar hatte selbst diese Sekundenbruchteile
nicht. Als er die Augen öffnete, sah er vor sich die weiße Tür eines
fremden Aufliegers. Er spürte keinen Schmerz, als das Lenkrad ihm den
Brustkorb zerquetschte und sein Körper mit dem Auflieger vor ihm und
mit dem Rahmen seines Fahrerhauses verschmolz. Das Gewicht und der
Schub seines Zuges drückten unaufhaltsam nach und schoben den heißen
Motor hoch in das Fahrerhaus, welches als solches nicht mehr
existierte. Kochend heißes Wasser vermischte sich mit warmen Blut und
suchte sich einen Weg aus diesem deformierten Chaos aus Blech und
Plastik. War das Leben schon nicht gnädig mit Waldemar, so war es
wenigstens der Tod. Er hat es nicht wahr genommen, wie er auch das
Leben nicht wahr genommen hatte. Sein Organismus hatte noch nicht mal
die Zeit, Adrenalin auszuschütten.
Bottrop, Freitag, 21.9.2007, 9:05 Uhr.
Ilse
hatte den Fernseher laufen. Die Nachrichten gingen gerade dem Ende
entgegen. Es wurde von einem schweren Unfall vor dem Kirchheimer
Dreieck berichtet. Ein Lkw ist ungebremst auf einen anderen Lkw am
Stauende aufgefahren. Ein Feuerwehrmann berichtete, dass er sich an der
Unfallstelle übergeben musste. Er hatte schon viel gesehen, aber das...
Die
Kamera schwenkte von dem Feuerwehrmann zu den Einsatzkräften, die mit
Aufräumarbeiten beschäftigt waren. Man konnte erkennen, wie der leichte
Wind einen kleinen Stapel Papiere über die Unglücksstelle wehte. Was
mit der Kamera nicht zu erkennen war, das war der Text auf diesen
Papieren. Es waren Blanko-Urlaubsscheine.
Ilse bekam die
Nachrichten nicht mit. Sie war gerade im Kinderzimmer und machte die
Betten. Gedankenlos sang sie vor sich hin "Es gibt keine Maikäfer
mehr...", als es an der Haustür schellte. Ilse schaute durch den
Türspion, weil sie sich nicht denken konnte, wer sie um diese Zeit
schon besuchen wollte.
Durch den Spion sah sie zwei Polizeibeamte,
einen Mann und eine Frau. Beide hattes sie die Mützen abgesetzt und den
Blick nach unten gerichtet.
Ab hier schreibe ich
nicht mehr weiter. Ich stelle nur noch eine Frage, die sich jeder im
Stillen selber beantworten muss. Ist es das wert?

Biologiker-

Oberlehrers Notizen
:
Kopfnoten:
Re: Es gibt keine Maikäfer mehr...
Hallo
Nein, das ist es nicht wert, aber so vieles was wir tun oder tun müssen, oder denken es tun zu müssen, ist es nicht wert.
Leider gehört das zu den Dingen, die man immer erst hinterher weiß.
Es trifft ja eigentlich immer nur die Anderen. "Mir" kann sowas doch gar nicht passieren.
Das zieht sich durch alle Bereiche des Lebens, leider.
Die Geschichte bringt zum Nachdenken, danke dafür.
Nein, das ist es nicht wert, aber so vieles was wir tun oder tun müssen, oder denken es tun zu müssen, ist es nicht wert.
Leider gehört das zu den Dingen, die man immer erst hinterher weiß.
Es trifft ja eigentlich immer nur die Anderen. "Mir" kann sowas doch gar nicht passieren.
Das zieht sich durch alle Bereiche des Lebens, leider.
Die Geschichte bringt zum Nachdenken, danke dafür.

chrispe- V.I.P.
-

Humor: schwarz
Oberlehrers Notizen
:
Kopfnoten:
Re: Es gibt keine Maikäfer mehr...
Tageszeit !Ich habe keine betriebswirtschaftliche Ausbildung, aber ich erinnere mich an die Aussage meines Prof waehrend meiner Phase "fehlendes Wissen anzuhaeufen".
Das Capital eines Unternehmens besteht aus drei Elementen:
- Capital financiere
- Know-how der Entreprise
- Leistungsfaehigkeit der Mitarbeiter
Leider vergessen viele Arbeitgeber, dass die Leistungsfaehigkeit der Mitarbeiter sich mit den Jahren abbaut und hierfuer andere Qualiteten den physischen Mangel ausgleichen.
Durch ein System von Prime und Répression wird dieser Teil des Firmencapitales ueber Gebuehr beansprucht und zerstoert.
Der Mitarbeiter laesst sich auf dieses Spiel der Ueberforderung ein, da er zum Einen um seine berufliche Existenz fuerchtet und zum Anderen in dieser Ueberforderung (durch financielle Anreize cachiert) eine Sicherung seiner wirtschaftlichen Existence sieht.
In meinem späteren Berufsleben war ich immer wieder mit Planungsanforderungen confrontiert.
Classisches Anforderungsprofile fuer einen operationellen Einsatz:
| Beschreibung | Bedarf (Soll) | Bestand (Ist) | Anforderung |
| Waffensystem | xxx | xxx | xxx |
| ... | xxx | xxx | xxx |
| Materiel humaine | xxx | xxx | xxx |
Dies ist ein classisches Beispiel, dass der Mensch nicht mehr als Mensch sondern nur noch als Handelsware oder Kostenfactor betrachtet wird.
Statt hoeherer Leistungszwaenge waere die Wiedereinfuehrung des humaniteren Gedankens eine notwendige Pflichtuebung im betriebswirtschaftlichen Denken.
Gruss Henry *der gluecklich ist, Frosch sein zu duerfen*

*Froeschle*- Oberlehrer

-

Humor: Schwarz - Rabenschwarz
Oberlehrers Notizen
: Vorsicht!!! Scheffe klug scheisst!
Kopfnoten: -

Re: Es gibt keine Maikäfer mehr...
chrispe schrieb:Hallo![]()
Nein, das ist es nicht wert, aber so vieles was wir tun oder tun müssen, oder denken es tun zu müssen, ist es nicht wert.
Leider gehört das zu den Dingen, die man immer erst hinterher weiß.
Es trifft ja eigentlich immer nur die Anderen. "Mir" kann sowas doch gar nicht passieren.
Das zieht sich durch alle Bereiche des Lebens, leider.
Die Geschichte bringt zum Nachdenken, danke dafür.
Guten Abend @chrispe!
Leide ist es in diesem Fall nicht so, dass es nur die anderen trifft. Wenn ich schreibe, dann liebe ich es, Details in Worte zu fassen. Sie machen eine Geschichte lebendig und es ist so, als ob man selbst dabei gewesen ist.
Diese Geschichte gibt einen Teil meines Lebens preis, auch wenn sie nicht so tragisch endete. Dieser Waldemar war in großen Teilen auch ich. Für mich bedeutete und bedeutet auch heute noch Familie alles. Es hat historische Gründe, die ich an anderer Stelle zu einer anderen Zeit mal erzählen werde. Ich habe für meine Familie auch Kilometer "gefressen". Ich habe es getan bis zu dem Tag, an dem ich ein Schlüsselerlebnis hatte.
Ich war schon die 35. Stunde unterwegs. Nein, nicht non stop. Zwischendurch hatte ich mal kleine Pausen. Ich kam gerade von der Molkerei und war hundemüde. Das war ich freitags eigentlich immer. Und ich machte genau das, was Waldemar auch tat, um wach zu bleiben. Scheibe runterkurbeln und den Kopf in den Fahrtwind halten, Radio lauter stellen und manchmal sang ich auch vor mich hin. Und trotzdem ist er gekommen, der Sekundenschlaf. Ein Pkw hat mich durch lautes Gehupe wachgemacht. Mein Zug drohte ihn in die Mittelleitplanke zu drücken.
Ich habe meinen Lkw noch einmal unter Kontrolle kriegen können und es ist nichts passiert. Aber seit diesem Tag habe ich mir geschworen, nie wieder für schnödes Mammon meine Gesundheit und mein Leben auf´s Spiel zu setzen. Als ich das abends meiner Frau erzählte, war sie sehr erschrocken. Nein, sie würde eher in die Tischlkante beißen, bevor ich noch einmal so ein Riskiko eingehen würde.
Seitdem habe ich es nie wieder gemacht. Wenn meine Zeit um war, habe ich einen Parkplatz angefahren und geschlafen.
Viele Grüße
Bio

Biologiker-

Oberlehrers Notizen
:
Kopfnoten:
Re: Es gibt keine Maikäfer mehr...
*Froeschle* schrieb:
[b]Dies ist ein classisches Beispiel, dass der Mensch nicht mehr als Mensch sondern nur noch als Handelsware oder Kostenfactor betrachtet wird.
Statt hoeherer Leistungszwaenge waere die Wiedereinfuehrung des humaniteren Gedankens eine notwendige Pflichtuebung im betriebswirtschaftlichen Denken.
Gruss Henry *der gluecklich ist, Frosch sein zu duerfen*
[/b]Guten Abend @Froeschle,
ich kann nachvollziehen, was du ausdrücken willst. Mit fällt dabei immer das Zitat von Henry Ford ein, der gesagt hatte "Autos kaufen keine Autos". Ich habe ebenfalls keine betriebswirtschaftliche Ausbildung, wenn man mal von Grundkenntnissen absieht. Aber ich beklage, dass der Mensch immer wieder vergisst, wo seine Wurzeln sind. Wir alle haben doch mal ganz unten angefangen und den Faktor Arbeit als das gesehen, was es auch sein sollte: die Sicherung des Lebensunterhaltes.
Je höher man die berufliche Leiter aufsteigt, desto mehr entfernt man sich vom Menschsein und füttert ein Monster, welches sich Firma nennt. Diese Firma hat meistens noch nicht einmal einen Besitzer, den man benennen könnte. Und doch ist es erklärtes Ziel in der Führungsetage, dieses abstrakte Gebilde Firma zu mästen. Die Firma ist nicht mehr für die Menschen da, die in ihr arbeiten. Sie existiert nur noch um ihrer selbst willen.
Ich bin froh, dass ich in keiner namenlosen Firma arbeite und der soziale Gedanke noch hoch gehalten wird. Aber davon gibt es nicht mehr viele. Zumindest habe ich das Gefühl, dass es nicht mehr viele sind. Aus diesem veränderten Verhalten heraus entwickeln sich auch solche Unwörter wie "HumanKapital".
Ich habe die Hoffnung, dass die Wirtschaft irgendwann wieder zur Vernunft kommen wird und meine Enkel eine Zukunft vor sich haben, wo sie ihr Leben bestreiten können, ohne die Ellenbogen zu gebrauchen. Ich habe die Hoffnung, dass auch diejenigen zufrieden leben werden, die vom Leben benachteiligt wurden und dass auch sie die gebührende Anerkennung finden.
Das sind jetzt nur meine ureigensten Gedanken. Manchmal kommen sie in mir hoch, wenn ich meine Enkelkinder unbefangen im Garten spielen sehe und an ihre Zukunft denke.
Viele Grüße
Bio

Biologiker-

Oberlehrers Notizen
:
Kopfnoten:
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» 17. Mai 2012, Vatertag
» Kochkäse
» 16.05.12 Mittwoch und für viele der letzte Arbeitstag dieser Woche
» 15.05.2012 | nur noch 1 Jahr bis zum nächsten Froschtreffen